Nebel Leben von Fujiko Nakaya im Haus der Kunst

Haus der Kunst Fujiko Nakaya Nebel Leben; Foto: Andrea Rossetti
Fujiko Nakaya. Nebel Leben Installationsansicht / Installation view Haus der Kunst, 2022; Foto: Andrea Rossetti

Die Künstlerin und Bildhauerin Fujiko Nakaya ( *1933 in Sapporo, Japan) wird im Haus der Kunst in München mit der ersten umfassenden Retrospektive außerhalb Japans gewürdigt. Die Ausstellung wird kuratiert vom Künstlerischen Leiter Andrea Lissoni und der Kuratorin Sarah Johanna Theurer und läuft vom 8. April – 31. Juli 2022.

Die Nebelskulpturen

Nakayas Nebelskulpturen sind zu einem Synonym für die Künstlerin geworden. Sie bestehen vollständig aus reinem Wasser und fordern damit traditionelle Vorstellungen von Skulpturen heraus. Je nach Temperatur, Wind und Atmosphäre verändern sie sich in jedem Augenblick, es entstehen temporäre, grenzenlose Skulpturen, die sich physisch mit dem Publikum verbinden. Die ephemeren Nebelskulpturen umhüllen die Betrachter*innen und versetzen sie in eine desorientierende, transzendente Verbindung mit der Umgebung. Früh inspiriert vom aufkeimenden ökologischen Bewusstsein, arbeitet Nakaya seit jeher mit Wasser und Luft Elementen, die im Zusammenhang mit der Klimakrise mittlerweile besondere Bedeutung erlangt haben.

Nakayas Werdegang

Bekannt wurde Fujiko Nakaya als Mitglied des von Robert Rauschenberg und Billy Klüver gegründeten Kollektivs Experiments in Arts and Technology (E.A.T.) in den 1970er-Jahren und erlangte mit über 90 Installationen und Performances internationale Bekanntheit für ihre Nebelkunstwerke. Sie hat mit Künstlern aus verschiedenen Genres zusammengearbeitet, aus Architektur, Musik, Tanz und Licht, um die vielseitige Natur von Nebel zu verdeutlichen. Von ihren selten gezeigten frühen Gemälden bis hin zu ihren Nebelskulpturen, darunter zwei eigens für das Haus der Kunst geschaffene ortsspezifische Werke, über ihre Einkanalvideos, Installationen und Dokumentationen bietet diese anschaulich erlebbare Ausstellung einen umfassenden Überblick über das Werk einer der führenden Künstlerinnen Japans.

„Nebel lässt sichtbare Dinge unsichtbar werden, während unsichtbare - wie der Wind - sichtbar werden." - Fujiko Nakaya

Einflüsse und Entwicklung

Munich Fog (Fogfall) #10865/11, die Skulptur im Außenraum an der Ostseite des Haus der Kunst, sowie Munich Fog (Wave), #10865/I sind neue, für die Ausstellung entwickelte Arbeiten. Sie sind als Performance angelegt, an denen Nebel, Raum und das Publikum teilhaben. In Nakayas Arbeit steht Wasser als skulpturales Element und Metapher für endlose zeitliche Prozesse, um materielle Realitäten und medial erzeugte Illusionen zu verknüpfen. Der interdisziplinäre Ansatz der Künstlerin zeigt sich auch in den Titeln ihrer Nebelarbeiten: Die darin angegebene Zahlenkombination bezieht sich auf die nächstgelegene Wetterstation, deren Daten die Planung der jeweiligen Installation beeinflussen.
Ein ganzer Raum lokalisiert Nakayas Schaffen in einem Multiversum historischer Ereignisse. Er ist ihrem frühen Umweltbewusstsein und der Entwicklung ihres Werkes gewidmet, das Aspekte ostasiatischer und westlicher Kunstströmungen aufgreift. Die Galerie im Obergeschoss vertieft die Kontextualisierung ihrer Arbeit und zeigt eine Auswahl pädagogischer Wissenschaftsfilme der Produktionsfirma Iwanami, die von dem Vater der Künstlerin, dem Physiker Ukichiro Nakaya, gegründet wurde. Neben frühen Gemälden und Skizzen der Künstlerin sind in diesem Raum Dokumente zu sehen, die einen Einblick in seine Forschung geben, die Fujiko Nakayas Zugang zur Welt, ihrer Materie und Mediatisierung maßgeblich beeinflusst hat.

Haus der Kunst Fujiko Nakaya Nebel Leben; Foto: Marion Vogel
Ausstellungseröffnung im Haus der Kunst; Foto: Marion Vogel

Nakayas Gemälde und Zeichnungen zeugen von einer Sehweise, die von wissenschaftlich exakter Beobachtung geprägt ist. Für die Künstlerin ist Beobachtung das Grundprinzip sowohl von Kunst als auch von Wissenschaft. Die Gemälde ähneln abstrakten Landschaften und verweisen auf das Interesse der Künstlerin an zyklischen Prozessen von Zerfall und der Entstehung neuen Lebens. Die gemalten Wolken und biomorphen Formen bilden dabei eine wesentliche Verbindung zu Nakayas Praxis der bewegten Bilder und ihren Nebelskulpturen. Die detaillierte Beobachtung von Naturphänomenen und scheinbar kleinen, alltäglichen Gesten spielt eine zentrale Rolle in ihrem Werk. Ihre Videos enthalten oft Echtzeitaufnahmen und ähneln Experimenten, die unsere Wahrnehmungsmuster in Frage stellen. Nakaya nutzte Video als Mittel einer direkteren Kommunikation durch subjektive und analytische Dokumentation. Neben ihren Videoskulpturen und -installationen führte sie verschiedene sogenannte „Kommunikationsprojekte” durch, in denen sie sozial engagierte Gruppen interviewte und ihre Arbeit dokumentierte. Nakaya war Mitgründerin des Künstlerkollektivs Video Hiroba und eröffnete 1980 mit SCAN die erste Galerie für Video in Japan.

Verschwimmende Grenzen

Fujiko Nakaya ist eine visionäre Künstlerin, deren Arbeit nicht nur von ökologischem Bewusstsein angetrieben wird, sondern die sich auch von den etablierten Traditionen der ostasiatischen und westlichen Bildhauerei abhebt. In ihrem Werk klingt die Geschichte ihrer Zeit mit, ohne sich den Bewegungen Gutai, Mono-Ha oder den europäisch-nordamerikanischen Strömungen von Anti-Form, Process Art und Post-Minimalismus unterzuordnen. Ihr Werk lässt die Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie verschwimmen und lädt durch direkte körperliche Erfahrung dazu ein, die Beziehung von Mensch und Umwelt neu zu denken.
Angrenzende Räume erweitern die Ausstellung durch ein Filmprogramm von Iwanami, einer Filmgesellschaft, die von dem renommierten Wissenschaftler Ukichiro Nakaya (dem die Herstellung der ersten künstlichen Schneeflocken zugeschrieben wird) gegründet wurde, der seine Tochter sehr inspiriert hat. Ukichiro Nakaya, der sich demütig für einen Dialog zwischen Natur und Kultur einsetzte, war auch der visionäre Mitbegründer der bahnbrechenden Dokumentar- und Lehrfilmgesellschaft Iwanami Productions (1950). In Zusammenarbeit mit dem Harvard Film Archive wird eine Auswahl aus 4000 Filmen von Iwanami in der Nordgalerie des Hauses der Kunst präsentiert. Das Programm mit zehn Filmen stellt eine einzigartige Reise in Japans Nachkriegslandschaft dar.

Nebeliger Wald; JP Architect
Fog Environment #47660 Children's Park, Showa Kinen Park, Tachikawa, Tokyo Japan, 1992

Als eine zentrale Ausstellung der neuen Ausrichtung im Haus der Kunst wird Fujiko Nakayas Arbeit in direkten Bezug zu ihrem sozialen und kulturellen Netzwerk gesetzt. Nakayas besonderer Zugang zu Themen wie Natur, Wissenschaft und Zufall hat das radikale japanische Künstlerkollektiv Dumb Type und den deutschen Musiker und Künstler Carsten Nicolai, dessen Arbeit von japanischen Zen Gärten inspiriert ist, auf unterschiedlichste Weise entscheidend geprägt. Die zeitgleichen Ausstellungen im Haus der Kunst schaffen neue Dialoge, die die drängenden Fragen unserer heutigen Gesellschaft, wie Nachhaltigkeit, Inklusion, Wissenschaft und Natur, in den Vordergrund stellen.

Andrea Lissoni

Andrea Lissoni, Künstlerischer Leiter des Haus der Kunst und Kurator der Ausstellung: „In 2022 wird sich unser Programm in Form von Dialogen entfalten. Indem wir bildende Kunst, Performance, Tanz, bewegte Bilder, Musik und diskursive Praktiken zusammenbringen, hoffen wir, die Beziehung des Publikums zur Kunst als immersive, partizipative Erfahrung neu zu definieren.”

Fujiko Nakaya

  1. April – 31. Juli 2022

Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1
80538 München
hausderkunst.de

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