Vom Marienplatz zu Fuß in die Berge

Umweltfreundlich mit Bus und Bahn zum Bergsteigen anreisen – das klingt gut und ist zeitgemäß. Man vergisst dabei oft, dass es noch reduziertere und natürlichere Formen der Anreise gibt. Wie wäre es mit einer Wanderung von München auf den ­ersten Alpenberg? Eine Tagestour der besonderen Art, die man so schnell nicht vergessen wird.

Fotos: Joachim Burghardt/Bruckmann Verlag, Karte: Heidi Schmalfuß

Durchs Gleißental bei Deisenhofen Richtung Bad Tölz

Aus dem Herzen der Bergsteigerhauptstadt zu Fuß loswandern, die Berge zu Beginn noch nicht einmal sehen, Kilometer um Kilometer zurücklegen und über Stunden hinweg mitverfolgen, wie der Horizont allmählich näher rückt; schließlich müde und respektvoll vor einem kleinen Voralpenberg stehen und überlegen, ob man ihn noch „packt“ oder nicht – diese Vorstellung, so ungewöhnlich einerseits, so einfach und naheliegend andererseits, muss man erst einmal reifen lassen. Die Idee will in allen Möglichkeiten und Folgen durchdacht werden, bis man so von ihr gefesselt ist, dass man schließlich aufbricht.

München–Rechelkopf, das ist die direkteste und kürzeste Verbindung von der Millionenstadt zum ersten Alpenberg. Die Linie als solche ist da durchaus von Bedeutung, daher startet man am besten nicht irgendwo, sondern an der Mariensäule. Doch auch eine kürzere Variante, etwa von der S-Bahn-Haltestelle Deisenhofen im Süden Münchens aus, hat ihren Reiz. Eine Zeit von unter zehn Stunden vom Marienplatz bis zum Gipfel des Rechelkopfs ist nur bei sehr sportlichem Tempo und quasi ohne Pausen möglich. Realistischer sind – bei etwa
5 km/h Gehgeschwindigkeit und ein paar kurzen Pausen – etwa 12 bis 14 Stunden, den Abstieg nicht mitgerechnet! Ein früher Aufbruch, am besten schon um 5 Uhr morgens, ist also geboten.

Mit einem letzten Blick hinauf zu den Türmen der Frauenkirche und vielleicht einem Kopfschütteln angesichts des eigenen Vorhabens schlendert man dann zum Isartor hinüber, überquert die Isar und nimmt den Uferweg nach Süden. Mögliche Routen auf dem Weg in die Berge gibt es unzählige, wobei ich hier nur eine einzige, eine sehr direkte, schildern kann. Diese bleibt bis zum Tierpark Hellabrunn an der Isar und führt gleich danach über das Steilufer links nach Harlaching hinauf, das man z. B. auf der Isenschmid- und Theodolindenstraße durchquert. Von der Straße Am Perlacher Forst geht es dann in selbigen hinein, etwa auf dem Winkelweg, der dann kurz darauf in die von Nord nach Süd verlaufende Oberbiberger Straße einmündet. Mit dem   Betreten des Perlacher Forsts hat man das Millionendorf München schon wieder verlassen – nur knapp zwei Stunden nach dem Aufbruch aus seinem Zentrum!

Kreuzpullach: Ein Drittel der Marathontour ist geschafft
Bei Hölching: Endlich rücken die Berge näher

Aus der Stadt ins Alpenvorland immer möglichst gerade südlich wandert man durch den Perlacher Forst, unterquert die Bahnlinie Solln–Deisenhofen, überquert bald darauf die Straße M 11 und passiert die Wohngebiete Oberhachings. Bei der Einmündung der Ödenpullacher Straße von links bestehen zwei Wegvarianten: Entweder man folgt der Straße geradeaus nach Ödenpullach, oder aber man biegt links davon in die Waldschneise ab, durch die man – nach ihrem Ende auf einem Waldpfad knapp östlich versetzt – ins Gleißental gelangt (dorthin für die Kurzversion der Tour auch von Deisenhofen!). Beide Varianten, ob von Ödenpullach oder durchs Gleißental, führen nach Kreuzpullach. Hier verlässt man endgültig den Dunstkreis der nahen Metropole und erreicht ländlichere Gebiete.

Weites Land zwischen München und Tölz. Oberbiberg, Gerblinghausen, Eulenschwang und Sonnenham heißen die nächsten Stationen, wobei man die optimale Weg- und Straßenfindung mithilfe der Karte bewältigt. Die Berge bestimmen zunehmend das Blickfeld, man durchquert das schöne Attenham, erreicht Wörschhausen und die Thanninger Weiher, zwischen denen man hindurch und dann steil in den Wald hinaufwandert. Nach zwei Kilometern Forststraßen folgen zur Mittagszeit Reichertshausen, Oed, Hölching mit seiner schönen Aussicht und Föggenbeuern. Über Thankirchen erreicht man
Obermühltal bei Dietramszell, wo man die Staatsstraße 2368 überquert und über Trischberg und einige Waldstraßen den Koglhof auf dem Streitberg ansteuert. Auf Straßen geht es über Abrain und Rain nach Ellbach und schließlich nach Bad Tölz – 50 Kilometer liegen dann schon hinter uns! Bereits jetzt ist das Tagespensum enorm, und nur wer noch über viel Motivation und Kraft verfügt, kann nun die Schlussetappe angehen: zunächst hin­auf nach Gaißach, dann aber 70 psychologisch unangenehme Höhenmeter hinab nach ­Mühle und Lehen, das der Ausgangspunkt für die Bergbesteigung ist (zur Beschreibung des Aufstiegs siehe Tour 24). Was für ein Moment, nach so vielen Stunden am Gipfelkreuz des Rechelkopfs anzukommen; welche Emotionen, welche Erleichterung!

Zuletzt steigt man wieder zum Haltepunkt Gaißach in Untergries ab, von wo auch nach 22 Uhr noch eine Zugverbindung nach München besteht. Wer das alles geschafft hat, darf wirklich stolz sein: Er ist zu Fuß von München in die Berge gewandert und hat an einem der kleinsten Gipfel ein großes Abenteuer erlebt.

Tourencharakter
Leichte, aber extrem lange Tal- und Bergwanderung; kürzeste Route von München nach Bad Tölz ca. 50 km, danach weitere
8 km und 720 Hm zum Rechelkopf. Tourenvorbereitung in Form von langen Trainingsmärschen nötig, große Ausdauer beim Gehen, passendes Schuhwerk und leichter Rucksack erforderlich; nur bei durchgehend zügigem Tempo und ohne viele Pausen an einem Tag zu schaffen!

Orientierung
Mittelschwer

Gipfel
Rechelkopf, 1330 m

Talorte
München, 519 m; Gaißach, Ortsteil Lehen, 667 m

Ausgangspunkt
München Marienplatz

Rückfahrt mit Bahn & Bus
Bayerische Oberlandbahn von
Gaißach nach München

Strecken und Gehzeiten
München Marienplatz – Kreuzpullach 20 km/knapp 4 Std. – Bad Tölz 30 km/knapp 6 Std. – Rechelkopf 8 km/2.30 Std. – Gaißach 5 km/2 Std.; insgesamt je nach Routenwahl ca. 63 km/13–16 Std. (bei Start in Deisenhofen 15,5 km oder 3 Std. weniger)

Einkehr/Übernachtung
Zahlreiche Gaststätten unterwegs

BUCHTIPP:

Vergessene Pfade Bayerische Hausberge

40 außergewöhnliche Touren abseits des Trubels

Wandern abseits des Trubels, auf Alm- und Jägersteigen, durch unberührte Natur, auf Pfaden, teils überwuchert von der Alpenflora, und zu selten erklommenen Gipfeln. Was man nicht so leicht findet, versammelt dieser Wanderführer Bayerische Hausberge: 38 Touren zwischen Ammergau und Chiemgau, Loisach, Inn und dem Karwendel: Jeder Weg ist ausführlich beschrieben, mit übersichtlicher Karte. Auf geht’s zu einsamen und stillen Wegen im Dornröschenschlaf!

ISBN-13: 978-3-7343-1210-6, 19,99 Euro

Erscheinungstermin: 22. Juli 2020

Diesen Artikel teilen

Share on facebook
Share on pinterest
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on facebook
Share on pinterest
Share on twitter